Archive for the 'justme' Category

hoffnungslose situationen

Monday, April 7th, 2008

es war mal wieder zeit für mich bei steve pavlina reinzuschauen. seine beiträge haben zwar einen gewissen us-amerikanischen und utilitaristischen bias, dennoch haben mich seine gedanken und experimente in der vergangenheit ein ums andere mal inspiriert (Stichwort: polyphasic sleep).
auf meinem heutigen streifzug durch seine diesjährigen bogeinträge bin ich (bisher) über zwei interessante themen gestossen: rohkost-diät und hoffnungslose situationen.

ich beschäftige mich ja nun auch schon ein ums andere mal mit meinen essgewohnheiten. das ein oder andere experiment habe ich auch schon gewagt… ich bin heute vegetarier, habe einige monate vegan gelebt und sogar schon ein halbes jahr ohne jeden alkohol. auf die rohkost-idee hat mich ursprünglich anja gebracht, mit ihrem “gesundheits-konz” - ich weiss gar nicht ob konz selber auch rohköstler ist - aber zumindest propagiert er die umfangreiche ernährung direkt von wald und wiese, ergänzt um importierte südfrüchte.

mein freund steffen hat mir in unseren “essensdiskussionen” von der ganzen idee eher abgeraten. er ist der meinung, dass wir menschen “vorverdautes” - lies: gekochtes, gegorenes, eingelegtes etc. - viel besser verarbeiten können. er plädiert gar dafür rohes obst und gemüse weitestgehend zu reduzieren. in seiner vorwiegend asiatisch inspirierten küche wird fast alles kurz aber knackig angebraten.

anyway steve hat jetzt im januar eines seiner berüchtigeten 30 tage experimente durchgeführt und sich nur von rohkost ernährt, mit erstaunlichen Ergebnissen. Er konnte seine körperliche und geistige fitness steigern (messmethoden wissenschaftlich fraglich) und ist gleich nach den 30 tagen und dem ersten “gekochten” krank geworden (einzelfall keine gesamtaussagen möglich). er ist jetzt glaub ich dabei vollständig für unbestimmte zeit umzusteigen.

in den hoffnungslosen situationen über die ich eigentlich schreiben wollte, geht es in klassischer manier darum aus den persönlichen niederlagen das beste zu ziehen: eine “learning experience”. lustig für mich insofern, als das er mit zwei beispielen arbeitet, die mich persönlich umtreiben: die “foreclosures” in den usa (sowas wie eine zwangsversteigerung nach dem die raten an die bank nicht mehr pünktlich gezahlt wurden) und das schachspiel gegen unendlich überlegene gegner. für längere ausführungen fehlt mir jetzt allerdings nach dem ganzen rohkostzeugs - noch mach ichs nicht! aber ich bin inzwischen sicher es irgendwann anzupacken - die kraft und zeit.

Verzögerungen im Betriebsablauf

Saturday, January 13th, 2007

Heute morgen stand ich wie so oft am bahnhof, und lauschte neben dem wind, den bauarbeiten und den ansagen aus den bahnhofslautsprechern. wie nicht ganz so oft, gab es eine kleine verspätung eines Regional-Express von “5 bis 10 Minuten”. Nun hat sich die Deutsche Bahn in den letzten 10 Jahren etwas gewandelt und versucht mit einer stärkeren Kundenorientierung der drohenden Privatisierung zuvorzukommen. Dazu gehört auch die Angabe des Verspätungsgrundes. Diese geben dem wartenden Kunden einen handfesten Grund an die Hand und erhöhen die Chance für Vertständnis und damit weniger Frust. Folgende Gründe stehen den Bahnmitarbeitern dabei zur Auswahl:

  • Verzögerungen im Betriebsablauf,
  • Warten auf Anschlussfahrgäste,
  • hohes Fahrgastaufkommen (Verspätung Zustieg/Ausstieg),
  • Bauarbeiten an der Strecke,
  • verspätete Übergabe aus dem Ausland,
  • Störung am Triebfahrzeug,
  • techn. Störung an einem Wagen,
  • Einstellen/Aussetzen von Zusatzwagen,
  • unbefugtes Betätigen der Notbremse durch Reisende,
  • Beeinträchtigung durch Vandalismus,
  • ärztliche Versorgung eines Fahrgastes,
  • Personen im Gleis,
  • Tiere im Gleis,
  • Notarzteinsatz am Gleis,
  • Feuerwehreinsatz an der Strecke,
  • polizeiliche Ermittlung,
  • Weichenstörung,
  • Signalstörung,
  • Stellwerkstörung/-ausfall,
  • Oberleitungsstörung,
  • Störung am Bahnübergang,
  • Streikauswirkungen,
  • Witterungsbedingte Störung,
  • Unwetter,
  • Streckensperrung.
    (Quelle)

die ganzen wetterbedingten, technikbedingten und Polizei/Notarzt/Feuerwehr-bedingten Ursachen haben für mich immer eine hohe Nachvollziehbarkeit - und in Gedanken male ich mir aus wie an einer vereisten Weiche Feuerwehrmänner unter Einsatz aller Mittel dafür sorgen, dass der Bahnverkehr wieder rollt. Auch das warten auf Anschlußfahrgäste hat meine volle Sympathie - schliesslich möchte man selbst ja auch nicht bei einer nicht-selbst-verschuldeten Verspätung auch noch seine Anschlüße verpassen.
Heute morgen allerdings gab es einfach nur “Verzögerungen im Betriebsablauf” und das empfinde ich, wann immer ich es höre, als eiskalten Hohn. Denn diese Aussage ist gleichzusetzen mit “der Zug ist zu spät, weil der Zug zu spät ist” da verzichte ich doch lieber auf jede Begründung.
Wer öfter Bahn fährt, wird festgestellt haben, dass diese Ausrede die häufigste ist. Ist auch ganz klar, denn die passt schließlich immer.

Soziale Konstruktion

Tuesday, August 1st, 2006

Als eines der Schlüsselkonzepte der Soziologie hat mich das Konzept der sozial konstruierten Wirklichkeit zu Beginn meines Studiums am meisten fasziniert, umgehauen und angeregt. Zeitweise war ich so davon eingenommen, dass meine Freunde nur noch genervt die Augen verdrehten, sollte ich mal wieder - egal worum es gerade ging - das Gespräch auf die Sozialität der meisten Dinge brachte. Angefangen bei dem zugeschriebenem Wert des Geldes (oder dem was wir für Geld halten) über den Zwang einen Beruf (oder job) zu haben, die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft, die Bedeutung von Mutter und Vater - sowie unsere Emanzipation von diesen wichtigen Menschen, die Bedeutung des täglichen Kaffees und unseren Zwang am Wochenende “richtig Spass” zu haben.

Der größte Fehler dabei war wohl soziale Konstruktion mit Beliebigkeit gleichzusetzen. Und trotzdem bin ich heute der Meinung, dass dieser - quasi erste - Schritt notwendig ist, um die so umfassende Möglichkeit des Menschen zur Gestaltung seiner Umwelt in seiner Grösse zu erahnen (vielleicht auch zu verstehen). Dieses Gleichsetzen und beliebig erscheinen lassen provoziert natürlich jeden im “normalen” Leben stehenden Menschen. Beispiel Geschlecht: “Natürlich gibt es Mann und Frau, und ganz ohne Grund wird die Natur diese Unterscheidung auch nicht eingerichtet haben.” oder Schlimmer: “Die Natur hat es so eingerichtet, dass die Frauen die Kinder bekommen und die Männer die Familie ernähren” - ich habe den letzten Satz tatsächlich so zu hören bekommen, und dachte ich bin im falschen Jahrhundert.
Wenn man jetzt also hingeht und sagt “Moment, das ist doch nur gemacht - es könnte auch drei oder vier Geschlechter geben (oder gar keine) und was ist eigentlich das exakte Bestimmungsmerkmal für Geschlecht? - Wir könnten genauso gut die Form des Ohrläppchens als Kriterium heranziehen um einen Menschen dieser oder jener Katergorie von geschlecht zuzuordnen.” steht das Gegenüber natürlich in der Ecke und kann nur mittels totaler Abwehr und/oder Fluchtreaktionen heraus.
Soziale Konstruktion heißt natürlich nicht Beliebigkeit, sondern nur, dass es auch anders sein könnte. Selbst das ist doch revolutionär genug?! und für die meisten immer noch viel zu stark. Mir gibt das Hoffnung und ein wohliges Schütteln, wenn es mir in meinem Alltag an Stellen aufgeht, die ich bis dato für selbstverständlich hingenommen habe. Unser Alltag ist von Beispielen: die Tastatur auf der ich gerade schreibe mit ihrer legendären “QWERTZ“-Anordnung. Das Tastaturdesign wurde im 19.Jahrhundert entwickelt, dabei standen ganz andere Anforderungen im Vordergrund als uns heute wichtig wären. Zum Beispiel hat der Entwickler Christopher Latham Sholes sicherstellen wollen, dass sich (für die englische Sprache) möglichst selten die Typenhebel der Schreibmaschine in die Quere kommen und sich verhacken. Entsprechend lassen sich neben einer - für Schriftanfänger sehr offensichtlichen - alphabetischen Anordnung auch unter Ergonomiegesichtspunkten “bessere” Designs vorstellen. Trotzdem hat sich die alte Tastatur sehr lange gehalten, und wird wohl auch noch einige Jahre (bis zur Abkehr von der klassischen Fingereingabe) als Standard erhalten. Die Techniksoziologen sprechen übrigens vom “Momentum” einer Technologie. In dem wir uns dieser (hier noch recht einfachen) Beispiele bewusst werden, bekommen wir nicht nur eine erstklassige Chance zum staunen - ein Wert an sich wie ich finde - sondern gehen auch den ersten Schritt einer Veränderung, vielleicht sogar Berreicherung unseres Lebens. Warum nicht mal eine andere Tastatur ausprobieren, und vom Sehnenscheidenentzündungsgeplagten Suchfinger-Schreiber zum glücklichen , gesunden 8-10 Fingerschreiber avancieren. Mir fehlt dazu übrigens gerade die Kraft.

Was ich wohl eigentlich mit diesem Post sagen will ist:

  • geht raus und staunt über diese Welt
  • eine andere Welt ist möglich
  • seit nicht böse auf den Soziologiestudenten, der immer etwas hochnäsig daher zu kommen scheint

Fortsetzung folgt.